Qualitätsmanagement im Übersetzungsprozess
Workshop am 3. Oktober 2007 in Glattbrugg
Autor: Peter Oehmig
Was macht die „gute Qualität“ einer Übersetzung aus und wie misst man sie? Wie beeinflusst die neue Prozessnorm EN 15038 „Übersetzungsdienstleistungen – Dienstleistungsanforderungen“ den Ablauf und das Ergebnis des Übersetzungsprozesses? Und wie schafft man es, trotz engen Terminen und Kostendruck, Übersetzungen zu produzieren, die den an sie gestellten Anforderungen genügen?
Die Arbeitsgruppe „Qualitätsmanagement im Übersetzungsprozess“ unseres deutschen Partnerverbands tekom hat sich in den letzten vier Jahren mit obigen Fragestellungen befasst. Ziel war es, Ideen, Checklisten und Software zu entwickeln, die helfen, die Qualität von Übersetzungen und Übersetzungsabläufen zu prüfen und zu beurteilen. Zwei der AG-Mitglieder, Dr. François Massion und Peter Oehmig präsentierten Ergebnisse und Denkanstösse der AG-Arbeit.
Was macht für Sie die Qualität einer Übersetzung aus?
Mit dieser Frage sahen sich die Teilnehmer/innen zunächst konfrontiert. Korrekte Übertragung der Bedeutung, Genauigkeit, guter Stil, Verständlichkeit, korrekte Rechtschreibung, terminologische Konsistenz und zielgruppengerechte Formulierung waren den meisten wichtig. Termintreue, Flexibilität und Wirtschaftlichkeit kamen als weitere Faktoren hinzu.
Nicht nur Laien denken häufig, der Übersetzer könnte die Ausgangsinformation quasi „veredeln“, indem z. B. schwer verständliche Ausgangstexte in gut verständliche Übersetzungen verwandelt werden. Die Referenten gingen auf die einzelnen genannten Kriterien ein und zeigten, welche Anforderungen (Verständlichkeit, guter Stil, Terminologiekonsistenz) nur dann erfüllbar sind, wenn der Ausgangstext schon eine gute Qualität mitbringt.
Was leistet die EN 15038?
Peter Oehmig analysierte die Nachfolgenorm der DIN 2345 kritisch und sah folgende Positivpunkte in der neuen Norm:
- die Verpflichtung zur Dokumentation des Übersetzungsprozesses,
- die Qualifikation von Übersetzer und Korrektor ist definiert,
- die Verlagerung der Verantwortung vom Kunden auf den Übersetzungsdienstleister (im Vergleich zur alten DIN 2345,
- die Verantwortlichkeiten von Übersetzer und Übersetzungsdienstleister sind relativ klar abgegrenzt,
- bei der Zertifizierung werden die Prozesse in Wiederholabständen von einem Auditor betrachtet.
Leider gibt es auch Schwachstellen:
- die Manuskriptverbindlichkeit ist nicht so streng definiert wie in DIN 2345),
- EN 15038 kennt keine Qualitätsmetriken (im Gegensatz zu z. B. SAE J2450),
- nur der Übersetzungsprozess ist genormt, nicht das Produkt Übersetzung,
- einzelne Formulierungen lassen viel Interpretationsspielraum (beispielsweise „angemessen“),
- die Abkoppelung des Autoren vom Übersetzenden durch den zwischengeschalteten Übersetzungsdienstleister,
- die Registrierung ist gebührenpflichtig und bietet keine qualitätsverbessernde Gegenleistung,
- die Zertifizierung ist sehr teuer,
- Qualität im Prozess allein ist kein Garant für Qualität des Produkts.
Übersetzungsqualität ist kontrollierbar – sogar ohne Sprachkenntnisse!
Das durften die Teilnehmer im Selbstversuch feststellen. Als kleine Übungsaufgabe mussten ein deutscher Ausgangstext und dessen polnische Übersetzung geprüft werden, einziges Hilfsmittel war eine – rein polnische – Liste aller Wörter, die in der Übersetzung vorkamen. Trotz fehlender Sprachkenntnisse gelang es den Teilnehmern, falsche und fehlende Termini, nicht übersetzte Wörter, Zahlendreher, falsche Formatierungen und inhaltliche Fehler, die durch Ausschneiden und Einfügen einer Textpassage entstanden waren, zu finden.
Dr. Francois Massion stellte verschiedene Methoden vor, wie eine Übersetzung rein mit statistischen und formalen Methoden geprüft werden kann. Vom einfachen Makro, das prüft, ob die Übersetzung eine Rechtschreibkontrolle durchlaufen hat über Excel-Listen, mit denen sich Inkonsistenzen sehr schnell lokalisieren lassen führten die Tool-Demos bis zu dem von Dr. Massion entwickelten Prüfprogramm „ErrorSpy“, mit dessen Hilfe sich auch umfangreiche Übersetzungen schnell mit sehr vielen statistischen und formalen Kriterien prüfen lassen. Als Ergänzung für oder Einstieg in die Qualitätsprüfung hat die tekom das Bewertungsprogramm „QualiAssistent“ entwickelt, das anhand der mitgelieferten Checklisten eine (selbst-)kritische Betrachtung des Übersetzungsprozesses erlaubt.
Der Weg zur dokumentierten Qualität – das eigene Qualitätshandbuch
EN 15038 fordert ein „dokumentiertes Qualitätsmanagementsystem“. Die Referenten zeigten anhand eines Beispiel-Inhaltsverzeichnisses, wie diese Forderung in Form eines „Qualitätshandbuchs Übersetzung“ realisiert werden könnte. Das Beispiel enthält folgende Punkte:
- Zielsetzung des Qualitätsmanagement-Systems
- Zuständigkeiten/Ansprechpartner/Vertretungsregelung
- Skizze Standard-Auftragsdurchlauf
- Organisation der Auftragsablage/Nummernsystematik
- Checkliste Auftragsannahme
- Checkliste Auftragsprüfung
- Verfahrensanweisungen für Auftragsbearbeitung,
- z. B. Unterlagen- und Datenhandhabung/Datensicherheit
- Verfahrensanweisung Qualitätsprüfung
- Verfahrensanweisung Rechnungsstellung/Mahnwesen
- Vorlagen/Mustertexte/Standardtexte
- Personalkartei/Personalentwicklungsplan
Zum Abschluss gab es dann noch einige Denkanstösse für den Aufbau eines eigenen Qualitätsmanagement-Systems und eine spezielle CD mit Hintergrundmaterialien und Softwaredemos rund um die Übersetzungsqualität.
Hilfreiche Links und Materialien
Die tekom-Übersetzungsqualitäter haben einiges an Vorträgen und nützlicher Links zusammengetragen und auf der tekom-Webseite „geparkt“. Hier der Weg zu einigen Materialien, die Sie auf Ihrem Weg zur Qualität unterstützen:
www.tekom.de/webforum/organisations/tekom/uploads/uploaded_file2.zip
- Folien zu Qualitätsmanagement im Übersetzungsprozess - Stufe 1
www.tekom.de/webforum/organisations/tekom/uploads/uploaded_file64.pdf
- Folien zu Qualitätsmanagement im Übersetzungsprozess - Stufe 2
www.tekom.de/webforum/organisations/tekom/uploads/uploaded_file10.zip
- Folien zu Textqualität in der technischen Dokumentation
www.tekom.de/qualiassistent/setup1/qasetup.exe
- Demoversion des tekom-QualiAssistenten
www.dog-gmbh.de/ttyX/media/files/ErrorSpy-Demoversion.zip
- Demo des Qualitätsprüfprogramms ErrorSpy
www.dog-gmbh.de/ttyX/media/files/TermiDOG-Demoversion.zip
- Demo des Terminologiemanagementprogramms TermiDog
